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Andrés Ginestet steht in der Tradition eines fast typisierten katalanischen Humanismus, betrachtet man seine geistige Nähe zu anderen in Nordeuropa aktiven Künstlern und Künstlerinnen. Dies bedeutet, sich ein positives Lebensgefühl, eine Selbständigkeit und ein Selbstverständnis der Integration anzueignen und in Konfliktbereichen durchzusetzen. Die Künstlerin Dora Maar sei hier beispielhaft aufgeführt, weil sie unter anderem die Aufmerksamkeit auf die "Wohnlichkeit" der Straßen gelenkt hat, indem sie in holländischen Städten auf der Straße Sofas aus Keramik formte. Somit werden die "Larmoyance", Tristesse und apathische Implosion der Hilflosigkeit, in den nordischen Kulturen, die wenig Mittel haben und kennen, Konflikte wahrzunehmen und zu bekämpfen, überwunden. Er öffnet sich diesen Themen und schafft es mit Leichtigkeit und einer fast arabischen Beständigkeit, einen sehr präzisen Raum zu gewähren, aus dem sich wie im systemischen Ansatz der "Black Box", ein warmer und heilender Output selbständig entwickelt.
Andrés Ginestet besuchte in Barcelona eine schwierige und leistungsorientierte Schule, das Lyçée Français de Barcelona. Dort erfolgte die Auseinandersetzung mit der Philosophie als Realität im Alltag. Es wurde das Denken als solches gelehrt und geschult, nicht das "Denken über ...". Diese Schule war kein repräsentativer Ort, sondern eine Enklave der Avantgarde. Die dort erfolgte Ausrüstung mit Werkzeugen des Lernens und des Lösen von Problemen führte zu dem spezifischen Determinismus, sich mit Problemen auseinandersetzen zu wollen. 1982 zieht er nach Deutschland, wo die kulturellen Unterschiede für ihn noch einmal verdeutlichen, dass die Rolle von Gewalt in der Gesellschaft ein dringliches und akutes Thema ist. Andrés Ginestet trifft in Deutschland eine - im Kontrast zur spanischen - bereits weniger solidarische und kältere, traurigere und hilflosere Gesellschaft im Allgemeinen und insbesondere im Feld der Auseinandersetzung mit dem Thema der Schuld und der Verantwortung.
Diese Unfähigkeit, sich konstruktiv mit der Frage der Schuld auseinanderzusetzen, ist es, die ihn dazu bewegt, sich eines Themas zu widmen, das aufgrund seiner Tabuisierung dazu dienen kann, von der Seite und nicht frontal dieses "Manko" aufzubrechen, also die Fähigkeit zur Solidarität in der Bevölkerung und im Alltag zu steigern. Sein Ziel ist es, dazu eine Technik zu entwickeln: es geht ihm darum, ein Tabu mit Entschlossenheit zu knacken. Es galt, ein Motiv zu wählen, dem er sich sowohl emotional verbunden fühlt, als das auch rational begründet dazu dienen kann, das verkrustete Denken aufzubrechen.
Das Thema, dem er fortan seine Aufmerksamkeit widmet, ist das der Gewalt zwischen den Geschlechtern. Er sieht in dem Widerspruch von Liebe und Gewalt die größte Spannung.
Alsbald wurde ihm aber die besondere Diskrepanz in Deutschland zwischen dem Anspruch an einem zivilisierten Leben und der Realität, anhand des nun gewählten Themas der sexuellen Gewalt deutlich, das den Widerspruch zwischen Liebe und Gewalt am deutlichsten widerspiegelt. Wie sehr dieses Tabu wirkt, in welchem erschreckenden Maß unsolidarisches Verhalten zu Tage tritt, wenn er sich um betroffene Personen oder um die Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema auf Ausstellungen bemüht, das war, was ihn dazu veranlaßte, sich persönlich zu engagieren.
Aus der Verwunderung entstand Neugierde, was - mit den erlernten Werkzeugen gepaart - in seinen ersten erklärten Willen mündete: Bleiben, Beobachte, Verstehen, sich Integrieren, Wirken, Transformieren. Eine konkrete und reelle Gegebenheit: 1984 begegnete er in Dortmund auf der Straße einer vergewaltigten Frau. Sie war ca. 35 Jahre alt und fiel ihm wegen des mit Lehm verschmierten Rückens und des blutverschmierten Schoßes auf. Sie lief mit einem terrorisiertem Blick die Straße entlang. Andrés Ginestet reagierte, wie es in Spanien üblich gewesen wäre: er versucht eine kleine spontane Erste Hilfe-Gruppe von Freiwilligen auf der Straße zu bilden, die der Frau Hilfe leisten sollte. Einer sollte sich um den Arzt kümmern, einer die Polizei benachrichtigen, einer eine warme Decke besorgen, einer etwas Warmes zu trinken, einer die Familie verständigen, einer den Arbeitgeber etc. Doch genau dies war nicht möglich. Andrés Ginestet bat um direkte Mithilfe und fühlte sich "zum Teufel gejagt" Der Drang, groß, zusammenhängend, kritisch und reformatorisch zu denken und zu wirken, ist nun auf Deutschland fixiert und projiziert. Der Blickwinkel hat sich verschärft.
Die Reaktion auf das Erlebte: Da die Kunst sein Metier ist, will er in den Familien, auf der Straße, auf öffentlichen Plätzen arbeiten und sucht nach immer größeren Aufgaben, um sein Potential auszuleben. Die Herstellung von Kachelöfen und kleineren Arbeiten ist die sichere Basis für ein bevorstehendes großes Wagnis.
1986 erfolgte die erste Auseinandersetzung auf der abstrakten Ebene in Zeichnungen zum Thema der Emanzipation vor dem Hintergrund der Gewalt. Die Idee drehte sich um einen Menschen, der in einem Latex-Kubus geboren wird und sich verzweifelt bemüht, diese Latex-Haut aus dem Inneren des Kubus heraus zu durchbohren, um nach Luft zu schnappen. Es ging um ein Bild der Gewinnung von Freiheit, um die Überwindung der geistigen und psychischen Fesseln, die uns einschränken.
1988 mündete diese Idee im "Élan". Die Gewalt wurde nun künstlerisch interpretiert und sie wurde beschrieben wie ein Kondom, das Leben verhindert, also ein Verhütungsmittel gegen das Leben.
Der "Élan" ist eine Affirmation des Lebens, eine Wahrnehmung der eigenen Verantwortung und eine klare Absage an die Gewalt und die Täter.
Die soziale Auseinandersetzung mit dem "Élan" betrachtenden Menschen führt zur Erkenntnis, dass ein weiteres künstlerisches Wirken nur dann sinnvoll sein kann, wenn die fordernden, emanzipierten und avantgardistischen Ideen in die alltägliche Sprache eingebracht werden. Andrés Ginestet setzt sich in der Zeit nach dem "Élan" mit dem Alltag und der Brutalität der Gewalt durch das Zusammenleben und -arbeiten mit Opfern von sexueller Gewalt auseinander.
Seit 1993 erfolgt eine von der künstlerischen Sensibilität geprägte Auseinandersetzung in der Wissenschaft. Andrés Ginestet stellt immer wieder die Sprachlosigkeit zum Thema der sexuellen Gewalt fest. Es mangelt radikal an gesellschaftlichen Bildern, die der Alltäglichkeit der sexuellen Gewalt gerecht werden, wie die mit einer Erkältung vergleichbaren Bilder: heißer Tee mit Honig, Wärmflasche, Decke bis unters Kinn, lange und tropfende rote Nase von Wilhelm Busch. (Im Jahr 1999 wurde ein riesiges Traktat von Prof. Bierhoff zum Thema Gewalt veröffentlicht, in dem sexuelle Gewalt in 23 Seiten abgehandelt wird mit der Kernaussage, dass bisher keine ernstzunehmende Beschäftigung mit diesem Bereich in den Sozialwissenschaften erfolgt sei.) Dieser Vorwurf ist trotz aller Bemühungen seitens der Feministinnen berechtigt. Sexuelle Gewalt tritt im Alltag wesentlich häufiger und beständiger auf als Erkältungen. Diese erklärende Bilder für sexuelle Gewalt zu erstellen, kann aber nicht alleinige Aufgabe der Kunst oder der Feministinnen sein. Aus diesem Grund besucht er 1996 und 1997 vier Universitäten, um zu ermitteln, welche Bedeutung die Wissenschaft der sexuellen Gewalt einräumt. Der Blick der Wissenschaftler ist versperrt, verwehrt, atrophiert. Universitäten sind 1997 auf der Professoratsebene fast frauenfreie Räume, mit lediglich 4% Frauenanteil unter den C4 Professoren. Natürlich kann auf einer solch reduzierten Basis für Kommunikation keine Vertiefung des Themas wie sexuelle Gewalt auf breiter und allgemeiner Basis erfolgen. Die wissenschaftliche Literatur gibt aber auch keinen Aufschluss darüber, inwieweit Gesellschaftskonzepte im Zusammenhang mit sexueller Gewalt untersucht worden wären. Andrés Ginestet beschließt, an der Universität zu bleiben, zu beobachten, zu verstehen, sich zu integrieren, zu wirken und zu transformieren.
1997 beginnt er das Studium der Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Dort findet er die Möglichkeit, sein Anliegen den Dozenten sowie Studenten und Studentinnen vorzutragen. Hier wurde es möglich, konstruktive Arbeit auch unter der Beteiligung von Männern zu leisten. Schnell wird aber deutlich, dass auch hier systematische Hemmschwellen zu überwinden sind, um dem Thema zu ausreichender Relevanz zu verhelfen.
An der Universität mangelte es jedoch an Freiräumen, um das Problem in der Größe zu bearbeiten, die notwendig wäre. Zunächst schlägt Andrés Ginestet eine Vermehrung der Veranstaltungen in allen Fächern der Sozialwissenschaften zum Thema sexuelle Gewalt vor.
Dazu werden Kolloquien einberufen und Seminare mit Studentinnen und Studenten gestaltet, in denen theatralische Inszenierungen erfolgen, um beispielsweise die unterschiedlichen Verhaltensweisen zwischen Opfern und Nichtopfern in Konfliktsituationen zu verdeutlichen.
Das Hauptaugenmerk richtet Andrés Ginestet auf die beiden folgenden Aufgaben:
Festlegung auf eine wissenschaftliche Untersuchungsmethode (die Grounded Theory,
nach Anselm Strauß und Juliet Corbin), um das Thema in seiner Komplexität und
schrittweise bearbeiten zu können. Festlegung von Prioritäten bei der Wahl der
Themen und die Konzentration auf das Erfassen der Kosten der sexuellen Gewalt
sowohl für das Opfer als auch für die Gesellschaft, um damit unter anderem auch
von den Tätern abzulenken, denen in Deutschland überproportional viel Aufmerksamkeit
geschenkt wird.
Andrés Ginestet entwickelt sowohl die ersten Fragestellungen als auch die ersten Fallanalysen im internationalen Vergleich. Daraus ergeben sich erstmals konkrete Zahlen, die ein bislang ungeahntes Ausmaß der Kosten aufzeigen und vor allem die Faktoren in der ökonomischen Struktur, die zur Gewalterhaltung und Fortsetzung beitragen, benennen. Als Beispiel sei hier genannt, dass sich die Erkenntnis abzeichnet, dass bestimmte Aspekte der Mobilität in der Wirtschaft sexuelle Gewalt verstärken. Der internationale Vergleich erklärt aber auch unterschiedliche historische Begründungen für die sexuelle Gewalt. So sei an dieser Stelle nur das germanische Sippen- und Fehderecht erwähnt, das einen deutlichen Einfluss auf das heutige Selbstverständnis zur Handhabung der Gesetze zur sexuellen Gewalt in Deutschland haben könnte.
Da eine Auseinandersetzung aus der künstlerischen Perspektive heraus stattfindet, werden Arbeitstechniken aus der Kunst auch auf den wissenschaftlichen Bereich übertragen. Die Erforschung der Realität wird mittels eines Fragebogens gestaltet, dessen Inhalte sich derzeit in der Testphase befinden. Er wurde 1998 als wissenschaftliches Forschungsprojekt an der Ruhr-Universität Bochum von Andrés Ginestet initiiert.