Künstlerportrait

   
Helmut Bohn  
 Der Maler  Farbe, die Botschaft der Freiheit
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Gabriele Runge: Helmut Bohn - Farbe, die Botschaft der Freiheit.

In: Prospekt zur Gemäldeausstellung im Schulungszentrum
von Ethicon European Surgical Institute,
Norderstedt 1997
 
... Erinnerungen lassen sich nicht in Schubladen
oder Fächern aufbewahren, sondern in ihnen
verflicht unauflöslich das Vergangene sich
mit dem Gegenwärtigen.
Adorno (Minima Moralia)
 
Spätestens seit die Fotografie die vermeintlich objektive und naturgetreue Darstellung der äußeren Wirklichkeit für sich in Anspruch genommen hat, ist die Malerei frei, mit den Qualitäten der selbständig gewordenen Gestaltungsmittel Farbe, Linie und Struktur zu experimentieren. Gerade die Produktion von verschwenderischer Farbigkeit als psychologische Abbildung von Natur und Umwelt bestimmt wie nichts anderes die Motivation von Helmut Bohn als Maler.
 
Farbe ist Lebensfreude
 
Wer diesem brillanten und energischen Menschen begegnet, versteht, warum auch seine Malerei anziehen und beeindrucken muß. Helmut Bohn kennenzulernen, heißt den Schriftsteller, Verleger und Maler zu treffen. Über seine Malerei zu schreiben, ist der Versuch, seinem ganz besonderen Farbverständnis auf die Spur zu kommen. Bohn malt mit Freude an der Sache selbst, frei von allen existentiellen und gesellschaftlichen Zwängen, denen man sich gewöhnlich unterwirft.
 
Anregungen für sein Werk gewinnt er hauptsächlich in Landschaften, Städten und Industrie. Eine bestimmte innere Neigung und die daraus resultierende Wahrnehmung lassen ihn seine Auswahl treffen. Seien es beiläufig registrierte Landschaftseindrücke wie „Alte Apfelbäumchen" oder bekannte Motive, die sich eindeutig bestimmen lassen, wie „Köln: Museen vor dem Dom".
 
Bevor sich der Künstler an die Staffelei setzt, entstehen zahlreiche Entwurfsskizzen in Schwarz-Weiß, die auf das Erlebte oder Gesehene zurückgehen. An ihnen werden im kleinen Format Lösungsmöglichkeiten für die spätere Umsetzung erprobt. Schon in dieser Phase umgrenzen die Linien geplante Farbflächen, wenn sie auch als intellektuelle Festlegung, weniger als gefühlsmäßige Aussage eine Widerspiegelung der Persönlichkeit bedeuten. Ohne diese Zweiteilung von anfänglich linear-flächenmäßiger Skizzierung und späterer Farbgebung ist die Arbeitsweise von Bohn nicht zu verstehen. Und es ist typisch, daß er zwischen Skizzierung, also dem Aufbau, und dem Beginn der Arbeit mit dem Pinsel zumeist mehrere Tage verstreichen läßt. Das zur Vergewisserung der eigenen Absichten.
 
Bohn beschäftigt sich nicht damit, Ab-Bilder seiner Eindrücke zu schaffen, sondern gewissermaßen Erlebnisbefunde von Situationen festzuhalten, deren Rhythmus und Stimmungen er mit Farbe nachspürt. So, daß „das Bild als das faktisch Gemalte eine Partitur des Sehens ist, nicht aber das zu Sehende selbst" (J. Albers).
 
Bohns vollendete Gemälde fungieren gewissermaßen als Seismographen seiner inneren Realitäten. Das fertige Bild steht als Zeugnis innerer Befreiung – die Malerei als Zeugnis positiver Rückbesinnung. Ob es um das Festhalten eines beiläufigen Augenblicks, die Dokumentation technischer Errungenschaften oder die Geheimnisse organischen Werdens geht, immer wieder fesselt den Betrachter der unmittelbar ansprechende Umgang mit Farbe.
 
Farbe bekennen
 
Sich autonom gebärdende Naturszenen, Industrie- oder Stadtansichten homogenisiert Bohn durch Farbe. Gelegentlich lockert er in fiktiven oder konkret bestimmbaren Orten die Strenge der Bildkonstruktion mit Menschen oder Tieren auf. So balancieren beispielsweise als humorvolle Details winzige Seiltänzerinnen auf den Brückengeländern der Hamburger Speicherstadt. Oftmals bricht der Künstler die Dramatik des Ölbildes durch Figurengruppen auf oder er formuliert Gegenständlichkeit, die dem Werk den Ausdruck von Heiterkeit verleiht. Menschen oder Tiere werden zwar als erzählerische Elemente eingesetzt, dennoch sind sie nicht das Thema von Bohns Malerei. Die Farbe, nicht der Mensch ist Akteur des Bildes. Sie ist gültige Information für die Umsetzung von Materie in Farbenergie. Das bedeutet, daß der Künstler seine eigene Energie und Reflexion durch die Intensität und Auswahl der Farben dokumentiert, was in den Bildern evident ist. Diese unverwechselbare Farbigkeit läßt somit Rückschlüsse auf die Person des Künstlers zu.
 
Wortgewandt formuliert Bohn sein künstlerisches Anliegen selbst: „Alles, was um mich herum passiert, regt mich an. Auch Industrielandschaften machen da keine Ausnahme. Die sehe ich durchaus positiv und keinesfalls als Vorankündigung der Apokalypse. Mich interessieren die Strukturen und Verhältnisse. Bei der Gestaltung gehe ich rational vor. Die Farbe ist das Element meiner Emotion, meiner Freiheit." Immer wird die Farbe verschwenderisch eingesetzt, bisweilen auch die sogenannten unbunten Farben Weiß und Schwarz. Mit Farbe sind immer Stellungnahmen verbunden.
 
Farbe ist der Ausdruck unbewußter Assoziationen, die sich mit Emotionen und Stimmungen während des Malvorgangs und mit Spontaneindrücken mischen, sich wechselseitig durchdringen und letztlich zu völlig überraschenden – auch für den Künstler – Resultaten führen. Die Lust auf das Unerwartete – die spontane Neugier auf das Ergebnis harter Arbeit – fordern Bohn immer wieder dazu heraus zu malen. Dabei ist er sich durchaus bewußt, daß die Lust an der Farbe schließlich zum selbstzerstörerischen Chaos führen kann. In der ihm eigenen Diktion heißt es: „Glückseligkeit über die zauberhafte Eigenwilligkeit der Farbe ergreift mich. Jetzt beginnt wohl das Eigentliche, die Kunst. Ich muß aufpassen, daß der Pinsel – es sind jetzt schon drei oder vier – sich nicht selbständig macht. Der Rausch der Farben darf nicht zum Exzeß werden. Es muß klar sein, wer hier der Herr ist. Und da greife ich ein."
 
Farbe – Die Botschaft der Freiheit
 
Bohn ist ein Rebell. Er arbeitet außerhalb der überkommenen Gattungsgrenzen und fühlt sich keiner Tradition, nur sich selbst, verpflichtet. Die detaillierte Wiedergabe von Formen interessieren ihn nicht. Sie engen ihn ein, verlangen zuviel Gewicht, verhindern die Freude am Experimentieren. Er will Ereignisbilder der Farbe.
 
Im Spannungsfeld zwischen bewußter Komposition und zufälliger Farbgebung schafft Bohn Arbeiten von enormer emotionaler Aussagekraft. Die intensiven Farben sind keine Erfindungen, sondern stehen stellvertretend für Erinnerungen an Wirklichkeiten. Obschon die Formen der Farben mit Realität gleichgesetzt werden können, stehen sie nicht für die formale Aufgabe der Reproduktion von Realität. Der symbolische Gehalt von Farbe, der Farbkörper selbst wird zum eigentlichen Inhalt und damit zu einer universell erfahrbaren Wirklichkeit. In Farbe drücken sich Empfindungen und Träume aus, die Worte nicht beschreiben können, wohl aber mit den gestalterischen Mitteln der Malerei ausgedrückt werden können. Die Farbigkeit in Bohns Gemälden zwingt den Betrachter förmlich ins Bild. Sie ist unmittelbar suggestiv. Der Betrachter nimmt teil an der Realitätserfahrung Helmut Bohns. Zwar bleibt sie eine individuelle, wird jedoch in dem Teil, in dem sie Bild geworden ist, allgemein erfahrbar. Der Betrachter wird direkt mit den Farb- und Formeindrücken konfrontiert, die Helmut Bohn angesichts von Landschaften, Städten und Industrie erfunden hat. Und damit, über dieses Ausdrucksäquivalent, findet sich der Betrachter in der Situation, von welcher eben diese Ausdrucksform der Malerei ausgelöst wurde.